Mein Ur-Ur-Ur-Großvater väterlich-großmütterlicher Linie  [Kekule-Nr. 78 in der Ahnenliste]

Gottlieb Allenstein (1793–1864)

Unteroffizier der Preußischen Armee, später Gerichtsdiener im Hochsauerland

Geboren am 9. Juli 1793 in Borchersdorf (Ostpreußen) – gestorben am 31. Januar 1864 in Meschede.


Unteroffizier des 16. Infanterie-Regiments der Preußischen Armee in Uniform | KI-Bild
Unteroffizier des 16. Infanterie-Regiments der Preußischen Armee in Uniform | KI-Bild

Nach den Napoleonischen Kriegen und infolge der preußischen Heeresreformen der Jahre 1807 bis 1814 kamen viele Soldaten aus der Provinz Ostpreußen – dem damals östlichsten Teil des Königreichs Preußen – in die westlichen Gebiete Deutschlands, etwa ins Rheinland, wo sie in den Befreiungskriegen gegen die französische Vorherrschaft kämpften. In einer Region, die von agrarischer Armut geprägt war und in der die feudale Gutsherrschaft noch weit ins 19. Jahrhundert hineinwirkte, bot der Militärdienst vielen jungen Ostpreußen oft die einzige Chance, ihr Heimatdorf zu verlassen, eine gesicherte Versorgung zu erhalten und gesellschaftliches Ansehen zu gewinnen. So überrascht es kaum, dass etliche nach dem Ende ihres Kriegsdienstes nicht in die ostpreußische Heimat zurückkehrten, sondern sich an neuen Orten niederließen und dort ihre Familien gründeten.

Zu diesen Soldaten zählte auch mein Ur-Ur-Ur-Großvater Gottlieb Allenstein, der aus dem Kirchspiel Borchersdorf, etwa 15 Kilometer südöstlich von Königsberg (heute Kaliningrad), stammte. Im Alter von rund 30 Jahren begann er etwa 1.300 Kilometer von seiner ostpreußischen Heimat entfernt ein neues Leben im Rheinland und im Sauerland – und ist damit mein am weitesten von meinem eigenen Geburtsort entfernt aufgewachsener Vorfahr.

Über die Herkunft und die Vorfahren Gottlieb Allensteins wissen wir nur wenig. Das liegt vor allem daran, dass die überlieferten Kirchenbücher seines Heimatkirchspiels Borchersdorf erst im Jahr 1800 einsetzen – über seine Geburt beziehungsweise Taufe finden wir dort also keine Aufzeichnungen mehr. Um dennoch ein Bild von seinem frühen Lebensumfeld und den ersten drei Jahrzehnten seines Lebens zu gewinnen, müssen wir uns auf andere Quellen stützen.

Zuverlässige Angaben finden sich in seinen 1824 in Jülich ausgefüllten Heiratsdokumenten. In der kirchlichen Trauungsurkunde heißt es: »Johann Gottlieb Allenstein […] geboren und getauft zu Borchersdorf, Provinz Ostpreußen, den 9. Juli 1793, evangelisch.« Die entsprechende Zivilurkunde ergänzt: »Sohn des Gottfried Allenstein und der Anna Grählin, Eheleute in Ackerau wohnhaft, Regierungs-Departement Kreutzburg.«

Historischer Kartenausschnitt des Kirchspiels Borchersdorf mit den Orten Fuchsberg und Ackerau
Historischer Kartenausschnitt des Kirchspiels Borchersdorf mit den Orten Fuchsberg und Ackerau

Das alte Kirchdorf Borchersdorf (heute russ. Selenopolje / Зеленополье im Oblast Kaliningrad) – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Ort Borchersdorf im ehem. Kreis Neidenburg (heute poln. Burkat) in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren – gehörte seit der ostpreußischen Kreisreform von 1752 zum damaligen Kreis Brandenburg (Haff) und ab 1818 zum Kreis Königsberg. Bereits in vorreformatorischer Zeit hatte es hier eine Kirche gegeben, die 1735 durch einen barocken Neubau ersetzt wurde – in dieser Kirche hatte Gottlieb Allenstein Anfang Juli 1793 vermutlich durch den damaligen Pfarrer Friedrich Wilhelm Georgesohn die Taufe erhalten.

Gottlieb Allenstein entstammte einer weit verzweigten Familie im Kirchspiel Borchersdorf. Ihre Wurzeln liegen vermutlich im nahegelegenen Fuchsberg (heute russ. Semjonowo / Семёново), direkt an der Grenze zum Kirchspiel Uderwangen (heute russ. Tschechowo / Чехово). In den Bauernlisten von Uderwangen aus den Jahren 1736 und 1750 taucht ein in Fuchsberg ansässiger Barthel Allenstein auf, der wohl als ›Ur-Allenstein‹ der Familie gelten kann – möglicherweise sogar als Urgroßvater Gottliebs; der 1750 ebenfalls erwähnte Peter Allenstein dürfte sein Sohn gewesen sein.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts scheint sich die Familie in zahlreiche Linien aufgespalten zu haben, von denen einige auch im nur drei Kilometer entfernten Ackerau ansässig wurden – einem Ort, der allerdings bereits jenseits der Kreisgrenze im damaligen Kreis Preußisch Eylau lag (1818 noch Kreis Kreuzburg genannt). Dort lebten wohl auch Gottliebs Eltern, Gottfried Allenstein und Anna Grähl(in), bevor er die ostpreußische Heimat verließ.

Die Namensform »Grählin« entspricht übrigens der in Ostpreußen üblichen weiblichen Variante, bei der an den Familiennamen die Endung »-in« angehängt wurde. Der nach den Jülicher Akten »Grähl« lautende Name, der in den Kirchenbüchern rund um Borchersdorf kaum vorkommt, dürfte eigentlich »Grell« (oder »Griel«) geheißen haben – in dieser Form ist er in der Region mehrfach belegt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Blick in die Kirchenbücher von Groß Ottenhagen (heute russ. Berjosowka / Берёзовка), etwa acht Kilometer nordöstlich von Fuchsberg gelegen: Dort finden sich kurz nach 1800 mehrere Taufeinträge von Kindern eines Gottfried Allenstein und seiner Frau Anna Regina Griel. Ob es sich dabei tatsächlich um Gottliebs Eltern handelt, bleibt zwar fraglich – doch eine gewisse verwandtschaftliche Nähe lässt sich hier durchaus vermuten.

Die Jahre von Gottlieb Allensteins Kindheit und Jugend in Fuchsberg und Ackerau dürften kaum leicht gewesen sein – geprägt von harter Arbeit, kargen Lebensverhältnissen und wenig sozialer Absicherung. Die meisten Bewohner der Gegend lebten entweder als Instleute, also landlose Arbeitskräfte auf den Gütern, oder als Hubenwirte mit einer kleinen Hube (= Hufe) Ackerland. In beiden Fällen mussten sie einen erheblichen Teil ihrer mühsam erarbeiteten Erträge an die örtlichen Gutsherren, die Grafen von Dönhoff-Friedrichstein, abliefern.

Die evangelische Kirche in Borchersdorf (erbaut 1735, erneuert 1814), in der Gottlieb Allenstein getauft wurde, vor der Kriegszerstörung (um 1935) | Bildarchiv Ostpreußen
Die evangelische Kirche in Borchersdorf (erbaut 1735, erneuert 1814), in der Gottlieb Allenstein getauft wurde, vor der Kriegszerstörung (um 1935) | Bildarchiv Ostpreußen

Hinzu kam, dass die Gegend um Borchersdorf im Februar 1807 in die Kämpfe rund um die große Schlacht bei Preußisch Eylau hineingezogen wurde, bei der Truppen der preußisch-russischen Koalition auf Napoleons Armee trafen. Zeitgenössische Berichte erzählen, dass am 11. Februar 1807 eine Gruppe von rund dreißig Kosaken, die von den Feldern zurückkehrte, bei Borchersdorf von einer französischen Schwadron angegriffen wurde. Sowohl bei diesem Gefecht als auch bei einem weiteren Angriff zwei Tage später behielten die Kosaken die Oberhand und nahmen die französischen Angreifer gefangen. Es ist gut möglich, dass diese Gefechte auch der Borchersdorfer Kirche Schaden zufügten, denn 1807 wurde sie als baufällig beschrieben; erst 1814 konnte sie wieder instandgesetzt werden. Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, diente sie später als Kolchose-Lager und ist heute nur noch als Ruine erhalten.

Im Jahr 1814, als Gottlieb etwa zwanzig Jahre alt war, führte Preußen im Zuge der Heeresreformen die allgemeine Wehrpflicht ein, nach der jeder taugliche Mann drei Jahre aktiv in der Armee zu dienen hatte. Zwar wurden die Rekruten weiterhin nach Provinzen eingezogen, doch die Stationierung erfolgte bewusst im gesamten Staatsgebiet – ein Mittel, um lokale Bindungen zu lockern und eine zuverlässige militärische Präsenz auch in politisch sensiblen oder neu erworbenen Gebieten sicherzustellen. Vor allem das Rheinland, das Preußen erst seit dem Wiener Kongress gehörte und vielerorts als »liberaler« und politisch weniger berechenbar galt, wurde bevorzugt mit Truppen aus weiter entfernten Landesteilen belegt. So gelangten auch zahlreiche junge Männer aus dem Raum Königsberg in die westlichen Garnisonen – nach Köln, Düsseldorf, Koblenz oder in andere Städte des Rheinlands und Westfalens.

Und unter diesen Soldaten befand sich auch Gottlieb Allenstein. Es ist durchaus möglich, dass er zuvor bereits im 3. Ostpreußischen Infanterie-Regiment (dem später sogenannten 4. Grenadier-Regiment »König Friedrich der Große«) gedient hatte, das 1807 an der Schlacht bei Preußisch Eylau beteiligt war. Aus den Musketier-Reserve-Bataillonen dieses Regiments wurde 1813 das 4. Reserve-Regiment gebildet, das nach seinem Einsatz in den Befreiungskriegen ab März 1815 den Namen 16. Infanterie-Regiment »Freiherr von Sparr« (3. Westfälisches) erhielt. Und nachweislich gehörte Gottlieb Allenstein in diesem Regiment der 5. Kompanie des II. Bataillons an. Er war also einer der »Hacketäuer«, wie die Regimentsangehörigen nach der Schlacht bei Großbeeren (August 1813), in der anhaltende Regenfälle die Gewehre unbrauchbar gemacht hatten und die Soldaten im Nahkampf mit dem Ruf »Hacke tau!« (»Schlag zu!«) ihre Gewehrkolben einsetzen mussten, mit Spitznamen bezeichnet wurden. Nach dem Ende der Feldzüge war das II. Bataillon des Regiments zunächst von September 1817 bis März 1818 in Luxemburg stationiert, anschließend bis Oktober 1820 abwechselnd in Trier und Saarlouis und schließlich ab Oktober 1820 für mehr als fünf Jahre in Jülich.

Der von den Franzosen geplante Endausbau der Festung Jülich, Planzeichnung von 1805 | Deutsche Staatsbibliothek Berlin
Der von den Franzosen geplante Endausbau der Festung Jülich, Planzeichnung von 1805 | Deutsche Staatsbibliothek Berlin

Jülich, unweit von Aachen, blickte bereits damals auf eine lange Tradition als Festungs- und Garnisonsstadt zurück. Am 5. April 1815 hatte Preußen nach dem Wiener Kongress offiziell Besitz von der Stadt ergriffen. Die neuen preußischen Militärbehörden vollendeten die von den Franzosen begonnenen Ausbauarbeiten an der Festung und nutzten sie fortan als Schutzwall gegen Frankreich. Zwischen 1820 und 1822 entstanden hier unter anderem die Neuen Rurkasernen, in denen auch Gottlieb Allenstein – mittlerweile Sergeant (Unteroffizier) – seinen Dienst tat. Das Alltagsleben in der Armee war streng geregelt. Dabei trug der Unteroffizier maßgebliche Verantwortung: Er sorgte für Disziplin in der Kompanie, bildete Rekruten im Exerzieren, Schießen und Marschieren aus, überwachte die Unterkünfte und erledigte kleinere Verwaltungsaufgaben. Für die Mannschaften war der Unteroffizier oft die wichtigste unmittelbare Bezugsperson.

In Jülich lernte Gottlieb auch die elf Jahre jüngere Wilhelmina (»Mine«) Wessel kennen. Sie war die Tochter der bereits verstorbenen Eheleute Friedrich Adolph Wessel und Apolonia Fredel und stammte aus Wesel, wo sie am 25. August 1804 katholisch getauft worden war. Über ihre Vorfahren lässt sich heute kaum noch etwas sagen – viele Kirchenbücher aus Jülich und Wesel wurden im Laufe der Kriege zerstört, sodass ihre familiären Spuren weitgehend verloren sind.

Die beiden Heiratsurkunden (oben zivil, unten kirchlich) vom 07.02.1824
Die beiden Heiratsurkunden (oben zivil, unten kirchlich) vom 07.02.1824

Wir dürfen vermuten, dass eine Hochzeit der beiden zunächst nicht geplant war – nicht zuletzt, weil ihre unterschiedliche Konfession (er evangelisch, sie katholisch) damals durchaus Schwierigkeiten bereiten konnte. Doch Wilhelmina war schwanger, und so drängte die Zeit, noch vor der Geburt des Kindes schließlich doch den Bund der Ehe einzugehen. Tatsächlich fand die Trauung sprichwörtlich in letzter Minute statt: Am 7. Februar 1824 wurden Gottlieb Allenstein und Wilhelmina Wessel in Jülich getraut – dokumentiert sowohl durch die zivile Heiratsurkunde der Stadt als auch durch den am selben Tag notierten Kirchenbucheintrag der evangelischen Garnisonsgemeinde. Diese beiden Dokumente gehören (wie bereits eingangs erwähnt) zu den wenigen erhaltenen Quellen über die Eltern und Geburtsdaten des Paares.

Nur zwei Tage nach der Hochzeit, am 9. Februar 1824, erblickte das erste Kind der Familie das Licht der Welt: Johann Christian Allenstein, der am 11. Februar in der evangelischen Garnisonsgemeinde von Jülich – ausdrücklich katholisch – getauft wurde. Das Kind verstarb jedoch bereits am 23. Februar »an Krämpfen«. Auch der zweite Sohn, Johann August Allenstein, geboren am 8. Januar 1825, erreichte das Erwachsenenalter nicht und starb am 7. März 1826 im Kleinkindalter.

Als verheirateter Unteroffizier hatte Gottlieb (anders als die einfachen Soldaten) Anspruch auf eine kleine Wohnung außerhalb der Kaserne – die Lebensverhältnisse blieben dennoch bescheiden. Der Alltag richtete sich nach den Anforderungen des Militärs, und so bedeutete der Wechsel des Bataillons im Juni 1826 nach Köln auch einen Umzug für die ganze Familie. Wilhelmina war zu diesem Zeitpunkt erneut schwanger, und am 9. Dezember 1826 kam in Köln der dritte Sohn zur Welt: Johann Engelbert Allenstein, der am 23. Dezember in der Kölner Garnisonsgemeinde getauft wurde. Er wurde nun der älteste Sohn der Familie. Am 13. März 1829 folgte ihm in Köln der zweite überlebende Sohn, Gottfried Wilhelm Allenstein.

Ein weiterer Standortwechsel erfolgte im Februar 1831, als das II. Bataillon des Regiments nach Düsseldorf verlegt wurde. Und wieder war Wilhelmina bereits schwanger: Am 21. August 1831 wurde dort der fünfte Sohn der Familie geboren, der eine Woche später, am 28. August, in der Düsseldorfer Militärgemeinde auf den Namen Johann Franz Allenstein getauft wurde.

Als das Bataillon im Dezember 1831 erneut den Standort wechselte und von Düsseldorf nach Dülmen verlegt wurde, ging Gottlieb Allenstein mit seiner Familie nicht mehr mit. Er war inzwischen 38 Jahre alt und schied aus dem aktiven Militärdienst aus. Stattdessen nahm er eine Stelle als Gerichtsbote in Niedermarsberg an. Für ausgeschiedene Unteroffiziere war dieser Berufswechsel damals nicht ungewöhnlich: Der Dienst als Gerichtsbote verlangte Disziplin, Zuverlässigkeit und körperliche Belastbarkeit – Eigenschaften, die man bei ehemaligen Soldaten voraussetzte; zugleich bot er eine feste und geregelte Anstellung. Zu den Aufgaben eines Gerichtsboten gehörten die Zustellung amtlicher Schriftstücke, einfache Vollstreckungen, Botengänge, Wachdienste sowie die Begleitung von Personen zu Gerichtsterminen und Gefangenenüberführungen. Als Teil des unteren Justizdienstes stand der Gerichtsbote im Dienst des Königlich-Preußischen Amtsgerichts.

Die Familie Allenstein lebte nun mit ihren drei (noch lebenden) Söhnen – Engelbert, Wilhelm und Franz – in Niedermarsberg. Am 11. April 1834 wurde hier ihr sechstes Kind geboren: Rupert Anton Georg Allenstein, genannt Anton. Die Jahre in Niedermarsberg fielen in eine Zeit anhaltender Streitigkeiten um den endgültigen Standort des Marsberger Land- und Stadtgerichts. 1827 war das Gericht in einer Nacht- und Nebel-Aktion vom Rathaus der Oberstadt in ein neues Gebäude der Unterstadt verlegt worden – sehr zum Ärger des Magistrats der Oberstadt. Der ab 1838 mit Nachdruck geführte Streit wurde erst 1844 mit der Entscheidung beigelegt, dass das Gericht dauerhaft in der Unterstadt verbleiben sollte; 1846 wurde dort schließlich das neue Gerichtsgebäude bezogen.

Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie Allenstein jedoch bereits nicht mehr in Marsberg. Zwar wurde am 22. Mai 1837 in Niedermarsberg noch ihr siebtes Kind, die erste Tochter, Theresia geboren, doch im Taufbuch der Pfarrei St. Magnus ist bereits vermerkt: »nach Giershagen verzogen«. Der etwa acht Kilometer entfernte Ort gehörte ebenfalls zum Amtsgerichtsbezirk Niedermarsberg. Im Taufeintrag des in Giershagen geborenen achten Kindes – Johann Philipp Joseph Allenstein, getauft am 15. Februar 1840 – erscheint Gottlieb als »Gerichtsbote und Einsasse gen. Hansmertens«. Der Name »Hansmertens« stammte möglicherweise von dem Haus, das die Familie Allenstein nun bewohnte. Das neunte und jüngste Kind der Familie, getauft auf den Namen Anna Maria Klara Katharina Allenstein (meine Ur-Ur-Großmutter), kam am 24. Juli 1843 ebenfalls in Giershagen zur Welt.

Doch die Familie wurde auch von schweren Schicksalsschlägen getroffen. Bereits ein halbes Jahr nach Katharinas Geburt, am 26. Januar 1844, starb der erst knapp 15-jährige Gottfried Wilhelm Allenstein »an einem bosartigem Nervenfieber« – er war zu dieser Zeit bereits in der Lehre bei einem Schuhmacher in Giershagen. Und am 6. Juli 1849 erlag auch der älteste Sohn, Johann Engelbert, im Alter von nur 22 Jahren dem Typhus. Als Soldat der 8. Pionier-Abteilung des Großherzogtums Baden hatte er sich an dieser in den letzten Tagen der gescheiterten Badischen Revolution grassierenden Krankheit angesteckt und starb schließlich im Karlsruher Militärhospital.

Um 1846 zog die Familie Allenstein erneut um, diesmal nach Thülen, wo Gottlieb nun als Polizeidiener tätig war – so steht es jedenfalls im Heiratseintrag des Sohnes Franz, der am 27. Juni 1857 in Thülen heiratete. Und ihr letzter Wohnort wurde schließlich Meschede, wo Gottlieb mit seiner Frau und den jüngeren Kindern ab etwa 1860 lebte. Der Sohn Franz – ebenfalls Polizeidiener von Beruf – hatte sich inzwischen in Brilon niedergelassen und gab seinem ersten Sohn, geboren am 2. Oktober 1858, den Namen seines Großvaters: Gottlieb Allenstein. 

Unterschrift von Gottlieb Allenstein
Unterschrift von Gottlieb Allenstein

Am 31. Januar 1864 starb mein Ur-Ur-Ur-Großvater Gottlieb Allenstein im Alter von 74 Jahren in Meschede, als »pensionierter Gerichtsbote«. Laut Sterbeeintrag hinterließ er seine »katholische Witwe« und fünf Kinder, von denen zwei noch minderjährig waren. Die Witwe Wilhelmina Allenstein zog später zu ihrer jüngsten Tochter Katharina (verh. Speil) nach Attendorn, wo sie am 8. März 1887 in ihrem 83. Lebensjahr verstarb.

Mit Gottlieb Allensteins Tod endete ein bewegtes Leben, geprägt von harter Arbeit, strenger Disziplin und häufigen Ortswechseln: Vom ostpreußischen Fuchsberg und Ackerau führte Gottliebs Weg über Luxemburg, Trier und Saarlouis nach Jülich, wo er eine Familie gründete, und später über Köln und Düsseldorf ins Hochsauerland. Und bestimmt blieb bei ihm auch immer ein bisschen Heimweh nach seiner alten Heimat Ostpreußen – jenem Landstrich, den er nach seinem Aufbruch wohl nie wieder gesehen hat.

 

Über die aus der Ehe von Gottlieb Allenstein und Wilhelmina Wessel hervorgegangenen Kinder ist uns Folgendes bekannt:

Johann Christian Allenstein (09.02.1824 in Jülich – 23.02.1824 in Jülich) starb bereits zwei Wochen nach der Geburt.

Johann August Allenstein (08.01.1825 in Jülich – 07.03.1826 in Jülich): Auch er starb bereits als Kleinkind.

•  Johann Engelbert Allenstein (09.12.1826 in Köln – 06.07.1849 in Karlsruhe): Er starb als Pionier in der Armee des Großherzogtums Baden im Alter von 22½ Jahren am Typhus im Militärhospital Karlsruhe; sein Tod ist im Kirchenbuch der Militärgemeinde Köln verzeichnet.

Gottfried Wilhelm Allenstein (13.03.1829 in Köln – 26.01.1844 in Giershagen): Er hatte eine Lehre zum Schumacher in Giershagen begonnen, verstarb allerdings bereits mit knapp 15 Jahren »an einem bosartigen Nervenfieber«.

Johann Franz Allenstein (21.08.1831 in Düsseldorf – 04.08.1888 in Kray). Franz Allenstein arbeitete als Polizeidiener und heiratete am 27. Juni 1857 in Thülen die aus Alme stammende Amalia Schulte (22.02.1828 – 13.07.1891). Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor, von denen die ältesten drei (Gottlieb 02.10.1858–21.05.1868, Elisabeth 23.01.1861–10.05.1868, Carl Clemens 04.03.1863–18.05.1868) im Mai 1868 innerhalb weniger Tage am Scharlachfieber verstarben; das vierte Kind (Anna 06.07.1865–23.09.1866) war bereits zwei Jahre vorher an der Cholera verstorben. Anfangs lebte die Familie in Brilon, 1862 zog sie um nach Salzkotten; ihre letzten Lebensjahre verbrachten Franz und Amalia Allenstein in Kray bei ihrem jüngsten Sohn Joseph (s. u.)

Joseph Allenstein (geboren 1870), sechstes Kind des Polizeidieners Franz Allenstein (1831–1888) | Familienarchiv Patrick Allenstein, London
Joseph Allenstein (geboren 1870), sechstes Kind des Polizeidieners Franz Allenstein (1831–1888) | Familienarchiv Patrick Allenstein, London

Die am 20. März 1868 in Salzkotten (als fünftes Kind) geborene Tochter Wilhelmine Allenstein heiratete am 23. November 1911 den Rentner Peter Pütz in Gelsenkirchen, der aber rund ein halbes Jahr nach der Hochzeit, am 29. August 1912 nach kurzer, schwerer Krankheit mit 69½ Jahren verstarb. Wilhelmine hatte keine Kinder; sie selbst verstarb am 27. Mai 1919 im Alter von 51 Jahren in Gelsenkirchen-Heßler.

Das sechste Kind, der am 27. März 1870 in Salzkotten geborene Joseph Allenstein, hatte eine Schlosserlehre absolviert und arbeitete zunächst in Kray (bei Essen) als Lokomotivführer. Infolge eines Unfalls mit einem Zechenzug auf dem Rangierbahnhof Kray Ende Juli 1897 wurde Joseph Allenstein »wegen Gefährdung eines Eisenbahntransports« beschuldigt, aber vom Gericht freigesprochen. Im Jahr 1900 heiratete er in Düsseldorf die aus Erfurt gebürtige und in Vohwinkel aufgewachsene Rosa Gloria (09.11.1877 – 16.02.1932), mit der er in Düsseldorf (Liebigstraße 10) lebte und mehrere Kinder bekam. Während der Ruhrbesetzung durch die Franzosen war Joseph Allenstein im Sommer 1923 von den Massenausweisungen der in Düsseldorf ansässigen Eisenbahner betroffen; die Familie kam in dieser Zeit bei der Verwandtschaft und Bekannten in Meschede und Remblinghausen unter und konnte erst Ende 1924 wieder nach Düsseldorf zurückkehren. Wann und wo Joseph Allenstein verstarb, ist uns leider nicht bekannt.

Bernd Allenstein (1916–2008) an der Orgel in der St.-Martinus-Pfarrkirche Olpe
Bernd Allenstein (1916–2008) an der Orgel in der St.-Martinus-Pfarrkirche Olpe

Zu den zahlreichen Kindern von Joseph Allenstein und Rosa Gloria gehörte neben dem vermutlich jüngsten Sohn Aloys Franz Martin Allenstein (02.03.1920–08.08.2000) auch der am 30. Januar 1916 in Düsseldorf geborene und am 4. Dezember 2008 in Olpe im hohen Alter von 92 Jahren verstorbene Bernd (Berni) Allenstein. Er studierte Kirchenmusik in Düsseldorf und Aachen und war nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst in München und Umgebung als Musiker tätig, u. a. an der Klosterpfarrkirche Dießen am Ammersee. In Olpe wirkte er über 30 Jahre lang bis 1981 als Kirchenmusiker an der St.-Martinus-Pfarrkirche – bis heute ist er dort in Erinnerung durch das von ihm aufgezeichnete, traditionelle Olper Weihnachtslied »Der alte Zimmermann«. Meine in Welschen Ennest bei Olpe lebende Uroma Maria Speil hatte zu Bernd Allenstein, dem Sohn ihres Cousins Joseph, guten Kontakt, auch mein Vater kannte ihn persönlich – ich selbst habe ihn leider nicht kennengelernt, auch wenn ich noch zu seinen Lebzeiten bereits meine nebenamtliche Kirchenmusikausbildung u. a. in Olpe absolviert habe.

Anton Allenstein (11.04.1834 in Niedermarsberg – 15.12.1914 in Velmede). Er arbeitete als Bahnwärter in Meschede, wo er auch seine erste Ehefrau Florentine Schmidt heiratete, mit der er fünf Kinder bekam: ein Mädchen (*08.03.1864 als Totgeburt); Anton (17.01.1867–01.11.1869); Charlotte (30.07.1869–21.02.1955, verheiratet mit dem Schlosser Bernard Hengsbach in Velmede); 4. Kind unbekannt; Theresia (*04.09.1875, verheiratet mit dem Weichensteller Johann Burmann in Velmede, nach dessen Tod in zweiter Ehe mit dem Stellmacher Heinrich Albin Schmidt aus Bestwig). Nach dem Tod von seiner ersten Ehefrau Florentine heiratete Anton Allenstein erneut, und zwar am 26. Oktober 1880 in Bestwig die Näherin Theresia Wicker (04.06.1845–22.07.1914) aus Eslohe. Anton Allenstein verstarb im Alter von 80 Jahren am 15. Dezember 1914 in Velmede.

Theresia Allenstein (22.05.1837 in Niedermarsberg – ?). Über ihr Leben ist uns nichts bekannt, vermutlich blieb sie unverheiratet.

Johann Philipp Joseph Allenstein (15.02.1840 in Giershagen – ?). Auch von ihm ist uns nichts bekannt.

Katharina Allenstein (24.07.1843 in Giershagen – 22.08.1899 in Attendorn). Meine Ur-Ur-Großmutter Katharina, das jüngste Kind der Familie, war gelernte Näherin und heiratete am 19. Februar 1871 in Elberfeld den Schneidermeister Franz Speil (19.02.1840–20.06.1918), von dem sie bereits anderthalb Jahre vor der Hochzeit ihr erstes Kind bekommen hatte. 1873 zog die Familie nach Attendorn, wo Franz Speil sein eigenes Geschäft als Schneider eröffnete. Aus der Ehe von Katharina Allenstein und Franz Speil gingen insgesamt neun Kinder hervor, von denen bis auf eines alle das Erwachsenenalter erreichten – unter ihnen als siebtes Kind auch meine Urgroßmutter Maria Speil (19.06.1882–01.02.1960, verheiratete Limper). Katharina Speil, geborene Allenstein, verstarb am 22. August 1899 im Alter von 56 Jahren in Attendorn.


Ahnenlinie:

Gottfried Allenstein (? – ?) ⚭ Anna Grählin (? – ?)

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Gottlieb Allenstein (09.07.1793 – 31.01.1864) ⚭ Wilhelmina Wessel (25.08.1804 – 08.03.1887)

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Katharina Allenstein (24.07.1843 – 22.08.1899) ⚭ Franz Speil (19.02.1840 – 20.06.1918)

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Maria Speil (19.06.1882 – 01.02.1960) ⚭ Paul Limper (31.10.1882 – 14.06.1968)

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Anita Limper (25.07.1913 – 07.10.1983) ⚭ Dr. Josef Isenberg (30.12.1911 – 14.05.2007)

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Dr. Erwin Isenberg

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Dr. Gabriel Isenberg


» Ich freue mich jederzeit über ergänzende Informationen und Materialien. Schreiben Sie mich gerne an!