Meine Ur-Großmutter väterlicher Linie  [Kekule-Nr. 19 in der Ahnenliste]

Maria Speil, verh. Limper (1882–1960)

Bäckereiverkäuferin in Welschen Ennest

Geboren am 19. Juni 1882 in Attendorn – gestorben am 1. Februar 1960 in Welschen Ennest.


Maria Speil in jungen Jahren
Maria Speil in jungen Jahren

Ihr Vater Franz Speil, in Körbecke geboren, hatte seine Lehrzeit zum Schneider in Elberfeld absolviert und sich 1873 in Attendorn niedergelassen. Im Vergleich zu ihm spielte sich das Leben seiner jüngsten Tochter, meiner Urgroßmutter Maria Speil, verheiratete Limper, in eher engen geographischen Grenzen ab: Aufgewachsen in Attendorn, arbeitete sie als junge Frau in Kirchhundem und ließ sich 1909 mit ihrem Mann Paul Limper in dem kleinen sauerländischen Dorf Welschen Ennest im Rahrbachtal nieder, wo sie die folgenden 51 Jahre ihres Lebens verbrachte.

Maria Speil war eines von neun Kindern der Attendorner Familie Speil – sie hatte fünf ältere und zwei jüngere Geschwister (ein weiterer Bruder war bereits vor ihrer Geburt nach nur wenigen Tagen gestorben). Der Vater Franz Speil hatte ihre Mutter Katharina Allenstein in Elberfeld kennengelernt und dort 1871 geheiratet. Seit 1873 war die Familie in der Hofestatt 252 in der Attendorner Innenstadt ansässig, wo Franz sein Schneidergeschäft führte.

Am Abend des 19. Juni 1882, gegen 21 Uhr, wurde Maria Speil dort geboren. Fünf Tage später, am 24. Juni 1882, empfing sie in der Attendorner Pfarrkirche St. Johannes Baptist die Taufe durch Pfarrer Caspar Papencordt, Rektor der Attendorner Hospitalkirche. Ihr Taufname lautete Maria Emilie Speil; Taufpaten waren Maria Isphording und der Lehrer Gustav Meisterernst.

Über ihre Kindheit und Jugend in Attendorn wissen wir wenig, sie dürften jedoch vom Leben und Arbeiten in der Schneiderwerkstatt des Vaters geprägt gewesen sein. Ihre Erste Heilige Kommunion empfing Maria am Weißen Sonntag, dem 21. April 1895 in der Attendorner Pfarrkirche. Die Firmung folgte am 22. August 1897 durch den Paderborner Bischof Hubert Simar.

Nach dem Abschluss ihrer Volksschulzeit (vermutlich etwa zur Zeit ihrer Firmung) ging Maria mit ihrer älteren Schwester Rosalie nach Kirchhundem. Diese hatte dort 1900 den Bäcker und Gastwirt Franz Siebert geheiratet, und Maria half bei Sieberts im Haushalt sowie als »Büffetiere« in der Bäckerei und der Gastwirtschaft, also am Ausschank und an der Theke. Und dabei begegnete sie auch dem jungen Paul Limper aus Welschen Ennest, der seit 1898 bei dem ebenfalls in Kirchhundem ansässigen Fritz Gastreich eine Bäckerlehre absolvierte und anschließend noch bis Ende 1902 in dessen Betrieb blieb.

Bis die Liaison von Maria Speil und Paul Limper mit der Hochzeit »offiziell« werden konnte, vergingen noch einige Jahre. Von Oktober 1902 bis Anfang 1905 musste Paul zunächst seinen Wehrdienst absolvieren. Anschließend kehrte er in seinen Heimatort Welschen Ennest zurück, wo er drei Jahre bei dem Gastwirt Robert Höfer arbeitete. 1908 wagte er schließlich den Schritt in die Selbständigkeit: Er erwarb im Herbst dieses Jahres das um 1845 erbaute Haus der Schuhmacherwitwe Ahlbäumer in unmittelbarer Nähe zur Schule und der 1901/02 erbaute Kirche in Welschen Ennest und ließ an der linken Seite einen Anbau für die Backstube errichten.

Die drei ältesten Kinder der Familie Limper: Paula, Anita und Erwin (I)
Die drei ältesten Kinder der Familie Limper: Paula, Anita und Erwin (I)

Am 27. Mai 1909 heirateten Paul Limper und Maria Speil in der Kirche St. Johannes Baptist Welschen Ennest. Pfarrer Joseph Wintersohle aus Kirchhundem führte die Trauung durch; Trauzeugen waren Pauls Bruder Ernst und eine Anna Limper.

Am 13. März 1910 kam die erste Tochter, Paula, zur Welt, gefolgt von Erwin (11. August 1911) und Anita (25. Juli 1913). Das Leben der jungen Familie war durch den Tagesrhythmus der Bäckerei bestimmt. Während die Backstube Pauls Arbeitsplatz war, führte Maria (gelegentlich unterstützt von ihren Schwestern) den Ladenverkauf. Das Backen war Pauls Sache – nur wenn’s beim Nachputz schnell gehen musste, bevor das Schanzenbrot in den nachglühenden Ofen eingeschossen werden konnte, war Maria für das Säubern des Ofens mit einem wasserdurchtränkten Feudel zuständig.

Während des Ersten Weltkriegs musste das Bäckereigeschäft ruhen, da Paul am 24. März 1915 zum Kriegsdienst bei den Versorgungstruppen eingezogen worden war. Für Maria, allein mit den drei kleinen Kindern, war es sicherlich keine einfache Zeit zuhause. Nach Pauls Rückkehr im Sommer 1917 kam am 18. April 1918 das vierte Kind, Helene (»Leni«), zur Welt.

Ein erster schwerer Schicksalsschlag traf die Familie am 1. Dezember 1919: Der erst achtjährige Sohn Erwin starb an einer Lungenentzündung im Zuge der europaweit grassierenden »Spanischen Grippe«. Als am 22. November 1925 erneut ein Sohn geboren wurde, gaben die Eltern ihm wieder den Namen Erwin – »Erwin II«.

Das Haus der Familie Limper mit der Bäckerei-Conditorei entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Mittelpunkt des Dorflebens. Hier kaufte man nicht nur das täglich Brot und leckeres Gebäck; man kam ins Gespräch, hielt ein Schwätzchen – und Maria hatte stets ein offenes Ohr für alle. Auch die Töchter halfen bisweilen im Geschäft, während der Sohn Erwin in der väterlichen Backstube eine Lehre zum Bäcker und Konditor absolvierte.

Eine glückliche Familie: Maria und Paul Limper mit ihren Kindern Erwin (II), Paula und Leni im Sommer 1941 (nicht auf dem Bild ist Anita)
Eine glückliche Familie: Maria und Paul Limper mit ihren Kindern Erwin (II), Paula und Leni im Sommer 1941 (nicht auf dem Bild ist Anita)

Doch die schwere Zeit des Zweiten Weltkriegs brachte das nächste Unglück. Nach dem Abschluss seiner Bäckerlehre wurde Erwin von der Wehrmacht zum Kriegsdienst eingezogen. Und schon am ersten Tag, kaum in der Dortmunder Kaserne angekommen, wurde die Stadt in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai durch den bis dahin schwersten Bombenangriff der Alliierten nahezu vollständig zerstört. Unter den vielen Opfern befand sich auch der erst 17½-jährige Erwin. In dem offiziellen Schreiben, das die Eltern im Namen des »Führers« erhielten, hieß es pathetisch, ihr Sohn habe »sein Leben für die Errichtung eines größeren und schöneren Reiches und einer vernünftigen Ordnung des Friedens hingegeben.« Maria mit ihrem heftigen Temperament war außer sich vor Trauer und Wut. Schon lange hatte sie damit gehadert, dass ihre Schwester Rosalie die Gastwirtschaft (nach dem frühen Tod ihres Mannes Franz) notgedrungen für Versammlungen der Nationalsozialisten hatte öffnen müssen. Nun schimpfte Maria so laut und öffentlich über die »gottlosen Nazis«, dass man sie sogar nach Hagen zur Vernehmung vorladen wollte. Nur gute Fürsprecher im Dorf – man verwies auf den Verlust ihrer beiden Söhne – bewahrten sie davor. Der Schmerz jedoch blieb. Die in unserer Familie erhaltenen Erinnerungsstücke an den sinnlos ums Leben gekommenen Sohn lassen erahnen, wie sehr dieser Tod die Familie traf. Bis zu ihrem Lebensende trug Maria nur noch schwarze Kleidung.

Trotz alledem musste das Leben für die Familie weitergehen. Gerade in den Kriegs- und Nachkriegsjahren war die Bäckerei ein zentraler Ort im Dorf, zumal sie die Grundversorgung sicherstellte. Auch familiär wurde Welschen Ennest zum Sammelpunkt: Um den Bombenangriffen auf die Großstadt Essen zu entgehen, wohnte die Tochter Anita, die dort mit ihrem Mann Josef im Krankenhaus arbeitete, seit der Geburt ihrer Tochter Gabriele – am 3. Juli 1943 mitten im Fliegeralarm über Siegen zur Welt gekommen – bei ihren Eltern. Auch Paula und Leni blieben dort bis Ende der 1940er Jahre. Und weitere Familienmitglieder fanden angesichts der starken Kriegszerstörungen zeitweise Unterkunft bei den Limpers, darunter Pauls Bruder Wilhelm und Johannes Isenberg, der Schwager von Anita.

Zu ihren eigenen Brüdern hatte Maria offenbar nur losen Kontakt; außer ihrer Schwester Rosalie in Kirchhundem besuchte sie hin und wieder auch ihre ebenfalls dort wohnende Schwester Helene (»Führts Tante«), verheiratet mit dem Schneidermeister Carl Führt (der zuvor bereits mit ihrer ältesten, früh verstorbenen Schwester Wilhelmine verheiratet gewesen war).

Das Haus Nr. 48, direkt neben der Welschen Ennester Pfarrkirche, war also stets voller Leben. Die Tür des Hauses stand immer offen, und die gute Stube – die nur durch die Wärme der Backstube beheizt wurde – war eigentlich immer voller Menschen. Besonders sonntags, wenn die Leute aus der Messe in der benachbarten Kirche direkt am Hause Limper vorbeikamen, stieg ihnen schon der Duft der von Maria zubereiteten Rindfleischsuppe in die Nase – und so mancher Kirchgänger wurde zu einer Kelle heißer Suppe eingeladen; für die Familie gab es dann hinterher das Fleisch mit frischem Meerrettich.

Maria und Paul Limper (mittig) mit ihren Kindern und Enkeln: (v. l. n. r.) Gabriele Isenberg, Paula Limper verh. Schoppe, Dr. Josef Isenberg, Leni Limper; Josef Schoppe, Anita Limper verh. Isenberg, Erwin Isenberg
Maria und Paul Limper (mittig) mit ihren Kindern und Enkeln: (v. l. n. r.) Gabriele Isenberg, Paula Limper verh. Schoppe, Dr. Josef Isenberg, Leni Limper; Josef Schoppe, Anita Limper verh. Isenberg, Erwin Isenberg

Die Enkelin Gabriele und der 1946 geborene Enkel Erwin (mein Vater, der den Namen seiner beiden früh verstorbenen Onkel bekam) verbrachten eine glückliche Kindheit bei ihren Großeltern. Das Leben dort war besser als in der zerstörten Großstadt, zudem wollte man die Kinder vor der allgegenwärtigen Kinderlähmung schützen, die in der elterlichen Arztpraxis in Welper ein ständiges Risiko darstellte.

Große Sorge machte sich die Familie, als der kleine Erwin im Alter von etwa vier Jahren an einer beidseitigen Lungenentzündung erkrankte. Maria, die ihr Dorf sonst kaum verließ, hatte solch große Angst um ihren »dritten Erwin«, dass sie sich mit dem Zug auf den weiten Weg zu ihm nach Welper machte. Und siehe da: Die mitgebrachten Gelonia-Schmerztabletten, auf die sie schwor (auch wenn ihr Schwager Josef Isenberg als Arzt sehr skeptisch gewesen war), halfen tatsächlich, und Erwin wurde wieder gesund.

An die fürsorgliche und tiefgläubige Art seiner Großmutter erinnert sich mein Vater noch heute lebhaft. Einmal im Jahr pilgerte sie zur alten Waldenburger Kapelle in Attendorn, wo auf dem Weg der Kreuzweg gebetet wurde, um dort das Quellwasser zu schöpfen, das gegen Augenkrankheiten helfen sollte. Und abends zum Einschlafen betet Maria immer den Rosenkranz. So manches Mal wurde mein Vater, der als Kind mit im großelterlichen Bett schlief, von den Haarnadel gepiekst, die Oma im Schlaf im Bett verloren hatte. Für den guten Atem hatte sie immer Dr. Hillers Pfefferminzbonbons in der Tasche. Und für die sonntäglichen Gottesdienste beträufelte sie ihren Mantel mit Tosca-Parfüm – dem »Duft für die Frau ab 50«…

Als im Hause Limper ein Fernseher einzog, konnte Maria kaum glauben, wie dieses Gerät funktionierte. Begrüßte die Ansagerin auf dem Bildschirm dir Zuschauer mit »Guten Abend«, erwiderte Maria den Gruß freundlich und sorgte sich darum, dass der Tisch ordentlich sei: »Was soll die denn denken, wenn sie uns in dieser Zuversicht so sitzen sieht?« Als Maria einmal eine Kinovorführung über das Leben Jesu im Lichtspielhaus Altenhundem besuchte, erschütterte sie die Kreuzigungsszene so sehr, dass sie in Ohnmacht fiel – danach schwor sie sich, nie wieder ein Kino zu betreten.

Maria und Paul Limper im Jahr 1949
Maria und Paul Limper im Jahr 1949

1950 zog die älteste Tochter Paula mit ihrem Mann Josef Schoppe in ein eigenes Haus in Welschen Ennest, oberhalb der Kirche auf dem Weg zum Friedhof an der Pfarrer-Sauerwald-Straße. Die Enkelkinder Gabriele und Erwin gingen 1953/54 zu ihren Eltern Anita und Josef Isenberg nach Welper, wo die Familie bald ein eigenes Haus beziehen konnte. Damit wurde es im Hause Limper in Welschen Ennest langsam stiller. 1954 schloss der inzwischen über siebzigjährige Paul Limper seine Bäckerei – die Hoffnung, den Betrieb einst an seinen Sohn Erwin übergeben zu können, war im Krieg zerstört worden.

Im fortgeschrittenen Alter musste Maria einmal die ›weite‹ Reise mit dem Zug zum Frauenarzt Dr. Knebel nach Siegen antreten; nachdem dieser ihr einen erhöhten Blutdruck attestiert hatte, brachte sie das so aus der Fassung, dass sie nur noch sterben wollte. Ihr Hausarzt Dr. Bremm in Welschen Ennest brachte sie jedoch wieder auf die Beine: »Stell dich nicht so an. Komm, Maria, steh auf!« Überhaupt war Maria – anders als ihrem eher ruhigen Mann Paul – ein recht heftiges Temperament zueigen; sie selbst nannte das »obstrinös«.

Am 25. Mai 1959 konnten Paul und Maria Limper ihre Goldene Hochzeit feiern. Zunächst fand in der Wallfahrtskirche auf dem Kohlhagen bei Kirchhundem der Gottesdienst statt, den der Onkel ihres Schwiegersohns, Pater Jordanus Isenberg, zelebrierte und bei dem der Sohn ihres Vetters, Berni Allenstein aus Attendorn, an der Orgel saß. Anschließend ging es zur Feier in die Gastwirtschaft Siebert ihrer Schwester. Und abends stand zuhause in Welschen Ennest noch der Gesangverein vor der Tür – irgendwann fragte der inzwischen fast taube Paul Limper allerdings: »Sind die jetzt fertig?«

Nur wenige Monate nach der Goldhochzeit, am 1. Februar 1960, verstarb Maria Limper im Alter von 77 Jahren nach einem Schlaganfall in ihrem Haus in Welschen Ennest. Nach einigen Tagen der Aufbahrung wurde sie am Freitagmorgen, den 5. Februar, auf dem Friedhof in Welschen Ennest beigesetzt. Auf ihrem Totenbildchen heißt es: »Ein Leben in steter Liebe und Sorge für ihre Familie fand seine Erfüllung.«


Ahnenlinie:

Franz Speil (19.02.1840 – 20.06.1918) ⚭ Katharina Allenstein (24.07.1843 – 22.08.1899)

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Maria Speil (19.06.1882 – 01.02.1960) ⚭ Paul Limper (31.10.1882 – 14.06.1968)

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Anita Limper (25.07.1913 – 07.10.1983) Dr. Josef Isenberg (30.12.1911 – 14.05.2007)

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Dr. Erwin Isenberg

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Dr. Gabriel Isenberg


» Ich freue mich jederzeit über ergänzende Informationen und Materialien. Schreiben Sie mich gerne an!